Probieren

Oktober 16, 2007

Um Frank herum war es dunkel, stockfinster. Eine Dunkelheit, wie er sie vorher noch nie erlebt hatte. Doch etwas war anders, er konnte sich selber sehen, nicht als Person, aber als er an sich herunterblickte, konnte er sie sehen, seine Hände, seine Füße und den Rest. Völlig unbekleidet. Es kam aber keine Scham in ihm auf, denn er war allein und es war nicht kalt. Es war angenehm warm, er kannte dieses Gefühl, es fühlte sich beinahe so an, als wäre er wieder im Mutterleib, zumindest stellte er es sich so vor. Geborgenheit und Zufriedenheit durchdrang ihn und ließ in wohlig schauern.

Plötzlich fiel Frank, es war wie Schwerelosigkeit, die erst existierte und danach in den freien Fall überging. Wie eben wenn ein g, also die normale Schwerkraft einen zum Boden zieht. Sofort spürte er den Kitzel in seinem Unterleib, der sich immer höher durch den Körper windete um schließlich in dem Kopf sein Ziel zu finden. Er fiel immer weiter, es dauerte wie eine Ewigkeit, es erinnerte ihn an eine Achterbahnfahrt oder einen Bungee-Sprung. Überraschenderweise verspürte Frank auch dieses Mal keine Angst, nein, es herrschte weiterhin eine angenehme Stimmung in ihm.

Langsam, kaum das er es merkte, schlichen sich Farben in sein Blickfeld. Es waren viele Farben, so in etwa wie ein Regenbogen. Er war erst sehr schwach, wurde dann aber immer intensiver, so das er Frank schon fast blendete. Der Regenbogen hatte kein Ende und auch keinen Anfang, den Frank sehen konnte. Er schwebte einfach auf den Regenbogen zu. Riesig, dachte Frank und sah kurz darauf, das jeder einzelne Streifen des Regenbogens wiederum aus einem einzelnem Regenbogen bestand und dieser wiederum aus einem. Er erfand sich in seinem Inneren immer wieder neu. Apfelmännchen, dachte er sich und flog ihm weiter entgegen. Flog er oder fiel er noch, diese Frage konnte Frank sich schon lange nicht mehr beantworten, da er völlig jede Orientierung verloren hatte. Er schwebte irgendwie durch das Nichts, aber es war für ihn mehr als real. Farben kamen und gingen. Leuchteten auf, verschwanden.

Nach einiger Zeit bemerkte Frank ein leichtes Kribbeln auf seiner Haut. Es fühlte sich an, wie ein schwacher Strom, der erst in den Händen und den Füßen begann, doch auch bald fing der Kopf an zu kribbeln. Wie Strom, jedoch angenehm, geradezu euphorisch, Frank musste grinsen. Er genoss es sichtlich, wie das Prickeln sich über den ganzen Körper pflanzte und sich den Weg zu seiner Körpermitte suchte, seinem Bauchnabel. Schon bald, war sein ganzer Körper mit diesem Prickeln, ja fast einem Kitzeln überzogen. Gerade als sich alles an seinem Bauchnabel vereinen wollte, sah er an sich hinab und sah das leichte Flimmern über seinen Körper, das wie Plasma aussah und in Wellenbewegungen tanzte.

Dann vereinigte sich diese Kraft in seinem Bauchnabel, der Körpermitte und etwas ungewöhnliches geschah, die Farben verschwanden für einen kurzen Moment um ihn herum und auch das Prickeln war nicht mehr zu spüren. Totenstille. Schwarz. Dunkel.

Auch er stand still, flog nicht mehr, fiel nicht mehr.

Mit einem gewaltigem Rums, wurde das größte Feuerwerk, das er je gesehen hatte um ihn herum gezündet. Ohne Knall, ohne Druckwelle und ohne Hitze. Es war aber dort. Erst in rot, dann blau, silber, um schließlich in allen Farben zu gipfeln. Mehrmals, ohne unterlass. Es regnete Glitzer, während er sich um die eigene Achse drehte, immer dicht gefolgt von neu explodierendem Feuerwerk.

Langsam hörte er Musik, leise angenehme Musik. Musik, die ihm gefiel. Er hörte Stimmen, die über alles erdenkliche erzählten. Die Stimmen lachten und Frank erkannte, das sie nicht an ihn gerichtet waren, oder das jemand über ihn lachte. Wieder kribbelte es in seinen Händen. Er berührte etwas, konnte aber nicht sehen was er berührte. Seine Zunge, sie kribbelte auch.

Erschrocken, machte Frank die Augen auf. Er riss sie auf.

Doch was er jetzt sah, war noch besser als das gerade erlebte, viel besser. Unbeschreiblich schön.

 

Frank nahm seine Hände zu sich, legte sie auf seinen Schoß, fing an zu grinsen und versuchte in seinem Inneren, das durch das gerade erlebte hervorgerufene Schwindelgefühl zu vertreiben. Er war fertig, aber glücklich fertig. Das Adrenalin und Endorphin war immer noch in seinem Körper am toben, es raste förmlich.

 

Frank dachte nach:

 

Es war der erste Kuss.

Er hatte ihn sich gewünscht, mehr als alles andere.

Er freute sich schon auf die lange Reise.

 

Interesse zeigen

Oktober 15, 2007

brueckeice1.jpg 

Es war kalt geworden und Stefan saß auf seinem Hintern im gemütlichen Schneidersitz. Die kalte Luft brannte in seinen bereits gereizten Augen und stach zu wie viele kleine Nadeln. Auch war der Untergrund nicht gerade bequem, aber es ging. Er kauerte sich noch ein wenig zusammen, um die innere Wärme ein wenig mehr in sich halten zu können.

Stefan blickte auf den Horizont, hier auf der Brücke hatte er einen herrlichen Blick auf die Landschaft. Industrie war hier vorherrschend, meistens waren die Laternen, die das Werksgelände beleuchten gelb, damit im Nebel besser gesehen werden konnte. Der Nebel war nicht natürlich, sondern wurde von den großen Kühltürmen erzeugt, die auch auf dem Betriebsgelände standen. Es verlieh dem ganzen etwas gespenstisches, da bis auf ein paar kleine Transportwagen alles absolut menschenleer war.

Diese Szene interessierte Stefan aber nicht.

Alles war menschenleer. Alles.

Alles war leer. Ganz leer, so wie er selber.

Seine Gedanken waren nur bei Ihr. Warum hatte sie es ihm angetan? Nein, sie hatte ihm nichts angetan, sie war nicht freiwillig gegangen. Sie ist ihm genommen worden. Er hatte sie ihm genommen. Das Schwein. Der Idiot. Ich könnte ihn erschlagen. Ihn aus gutem Grund töten. Gott, warum?? Warum war seine Liebe gestorben, wieso war sie zu ihm gegangen.

Dies waren die vorherrschenden Gedanken von Stefan.

Aus einiger Entfernung klang das Hupen eines Zuges, aber es war noch einiges Entfernt. Es war vielleicht von dem Zug, der unten auf den Gleisen vorbeifahren würde, dachte Stefan. Die Menschen, die an einem Samstag zum Feiern fahren oder von dem Besuch einiger Bekannten wiederkamen. Schlimmer noch, Pendler.

Langsam hörte Stefan das Rattern des näher kommenden Zuges, es wurde immer lauter. Nocheinmal erklang das Hupen.

Wo sie jetzt wohl sein mag, dachte Stefan und blickte mit seinen Augen über die Landschaft.

 

Nun erklang ein Geräusch von Eisen auf Eisen. Das letzte was Stefan gehört hatte.

 

Nach zwei Stunden war die ganze Aufregung auf der Eisenbahnbrücke der ICE-Terasse vergessen, die über die Strecke des Regionalverkehrs führt. Eine neue Tragödie vor Gottes Auge.

Jemand folgte jemandem, den er liebte.

Kapitel III

September 13, 2007

Ort: Hamburg
Zeit: 27. Februar 1575

Gut geschlafen hatten die Beiden nicht, zwar hatten sie einen windgeschützten Platz hinter einem Haus gefunden, aber sie waren viel zu früh geweckt worden. Es war Markt und so riefen alle Händler quer durcheinander um ihre Waren anzupreisen und alle anderen Konkurrenten zu übertönen. So schlug Niels seine Augen auf und blickte verwundert umher. Es war gestern schon früh dunkel geworden und auch die Strapazen der letzten Tage hatten ihren Tribut gezollt. So hatte Niels vieles nicht mehr mitbekommen und seine Augen fielen immer wieder zu und so hatte er vieles einfach verpasst. „Heinz, der Markt hat schon begonnen, wir können ja gar nichts verkaufen“, machte Niels sich sorgen. Heinz hingegen war ziemlich gelassen und erklärte Niels, dass dieser Markt gar nicht für ihn vorgesehen sei, da seine Waren hier gar nicht angeboten würden. „Dies ist der Markt des einfachen Volkes Niels, damit haben wir beide nichts zu tun.“, erklärte Heinz. „Wir verkaufen unsere Waren nur an den Adel. Das einfache Volk kann sich das nicht leisten“, fügte er schnell hinzu als er Niels fragenden Gesichtsausdruck sah. „Was ist denn das für eine Ware? Warum ist sie so teuer?“, fragte Niels, der nun sichtlich neugierig wurde. „Warte ab Niels, du wirst es schon sehen“, war die knappe Antwort. Niels fiel nun auf, dass er im Wagen gar keine Waren gesehen hatte, nur die Decke. Niels sagte aber nichts mehr, um Heinz nicht zu verärgern. Es stand kleinen Kindern nicht zu, so viele Fragen zu stellen. Niels erinnerte sich daran, dass er sich in Geduld üben müsse.
Nach dem sie den Platz verlassen hatten und weiter in die Innenstadt kamen, sah Niels einen großen Fluss, einen wie er zuvor noch nicht gesehen hatte. Er kannt nur kleine, durch die ein erwachsener Mann ohne zu versinken durchgehen konnte. Groß und braun dennoch irgendwie glitzerte dieser Fluss in der Sonne. Die Elbe, wie ihm Heinz erklärte. Er hatte schon von diesem Fluss gehört, aber wie zuvor auch bei der Stadt Hamburg, reichte seine Phantasie einfach nicht aus, um sich solche gigantischen Dinge vorzustellen. Er fragte sich, wo so viel Wasser herkommen könnte, denn er sah das der Fluss in Richtung Meer, der Nordsee, wie er auch von Heinz erfuhr, floss. Es waren einfach zu viele Fragen, stellte Niels fest und so kam er zu dem Entschluss, einfach nicht mehr darüber nachzudenken, denn er würde es sowieso nicht begreifen. Er genoss einfach die Eindrücke, die auf ihn herein prasselten, der große Fluss, mit dem breiten Ufer und in einiger Ferne die ersten Schiffe, die am Anfang des Hafens lagen. Die Schiffe zogen Niels am meisten in seinen Bann. Sie waren für ihn der Inbegriff von Abenteuer und neuen Welten, Dinge die er nicht kannte und ihn neugierig machten. So saß er neben Heinz und kaute auf etwas herum, das Heinz ihm gegeben hatte, aber nicht verriet, was es war. Es war schwarz und ungemein lecker, wie Niels fand. Es hatte einen süßlichen Geschmack, der dazu noch die Atemwege befreit. Es sollte wohl die Ware sein, die sie an die Reichen verkauften kombinierte Niels, denn er hatte großen Zweifel daran, dass jemand armes, wie er oder seine damalige Familie sich so etwas leisten konnten. So verbrachten sie den ganzen Nachmittag damit sich durch die Gassen zwischen dem Fußvolk zu zwängen und einen Weg über den riesigen Strom zu finden. Das Glück war mit ihnen und so konnten sie mit einer kleinen Fähre schnell übersetzen.
Als es bereits dunkel wurde, waren die Beiden mit ihrem Esel und dem Planwagen in ungefährer Nähe ihres Zielortes, den Heinz noch immer nicht verraten hatte. Niels, der durch die letzte Zeit seine Aufregung verloren hatte und stets darauf bedacht war, alles und jeden Menschen den er sah sich genau anzuschauen, lief einige Meter vor dem Wagen her und suchte nun auf Anweisung von Heinz einen Stellplatz zur Übernachtung. Niels konnte es nicht fassen, das so viel Licht von den brennenden Fackeln abgestrahlt wurde, dass er die Sterne am Himmel nur noch ganz Vage erkennen konnte. So musste es hier immer sein, eine Stadt, die nie schläft, dachte er sich und schaute nach Rechts, wo er die Kaimauer erkannte. Sie waren jetzt mitten im Hafengebiet angekommen. Es war so aufregend für den kleinen Jungen. Mit einem großen Talent für Organisation und vor allem für Improvisation war Niels immer schon gesegnet gewesen, aufgrund dessen er auch den geeigneten Unterstellplatz für sich und seine Begleitung gefunden hatte. Nachdem Heinz den Wagen abgestellt hatte und Hoho, wie der Esel hieß, vertäut hatte, ließ Niels es sich nicht nehmen, danach zu betteln, dass Heinz ihm noch die Umgebung zeigen sollte. Ob dies wirklich die richtige Umgebung für einen Jungen in Niels Alter war, ging es dem alten Mann durch den Kopf. Andererseits, wenn Niels bei ihm bleiben würde, dann würde er so oder so öfter hier herkommen müssen. Schließlich war er auch in diesem Alter schon oft genug hier gewesen. Mit diesen Gedanken und einem Lächeln im Gesicht, denn er wusste genau was Niels begegnen würde, willigte er schließlich ein.
Nach kurzem Fußmarsch erreichten sie endlich das wirkliche Hafenviertel von Hamburg, nicht wo die Schiffe lagen, sondern dort wo gefeiert wurde. Sie gingen noch an zwei Fleeten vorbei und bemerkten, dass es um sie herum immer lauter wurde. Schiffsbesatzungen, die ihren Landgang feierten, Kapitäne die neue Mannschaften suchten und der eine oder andere Gauner der hier sein Glück versuchte, sie waren alle zugegen. Ein Hauch von Rum lag in den Gassen, der sich allerdings schnell mit dem Geruch von Erbrochenem, Pferdemist, faulenden Abfällen und Exkrementen mischte. Niels machte dies nichts aus, er kannte den Geruch des Geheges, wo er als Kind immer schuften musste. In den Seitengassen erkannte er, dass dort immer viele Frauen in aufreizender Kleidung waren, die sich wohl anderen Menschen zur schau stellten. Niels fand es komisch, aber in der Neugier, vergaß er einfach danach zu fragen. Es war auch so allgegenwärtig, dass er es einfach als gegeben hinnahm. Auf einer anderen Seite, prügelten sich zwei finster aussehende Gestalten um irgendeinen Gegenstand, aber Niels war nicht in der Lage, ein Wort der beiden zu verstehen, es war wohl eine fremde Sprache. „Au heilige Mutter…“, rutschte Niels plötzlich heraus. So schnell er konnte, versuchte er Platz hinter Heinz zu bekommen, der das Schauspiel sichtlich genoss. Was war das, dachte Niels. Ein riesiger, schwarzer Dämon, mit schwarzen dunklen Augen. Heinz bemerkte, wie Niels anfing zu zittern und sagte daher:“Keine Angst Niels, das ist ein Mohr, aus den fernen Kolonien.“"Und schau,  er ist angekettet, ein Sklave“, fügte er hinzu, in der Hoffnung es würde Niels ein wenig beruhigen. Es verfehlte seine Wirkung nicht, Niels sah jetzt die dicken Ketten ,  wurde ruhiger und kam hinter Heinz rücken hervor. Er sieht aus wie ein Mensch, aber er ist so dunkel wie Kohle, wie kann das sein. Wieder einmal zeigte sich, das Niels, der von einem einfachen Hof kam, nicht im geringsten die Ahnung hatte, wie groß die Welt ist und wer in ihr wohnte. Woher denn auch? Von so viel interessanten und neuen Erfahrungen erschöpft, drängte Niels nun, sich etwas auszuruhen. Seine Blase war auch voll und so machte er Heinz ein Zeichen, das er sich erleichtern musste und ging dann in die Seitengasse, um sich zu erleichtern. Niels zog die Hose herunter und begann zu pinkeln.
Es wurde schwarz.
Ort: unbekannt
Zeit: unbekannt

Niels fühlte sich allein. Es war ihm, als würde jemand seine ganze Wärme seines Körpers stehlen. Grausig kalt war es. Alles um ihn herum schimmerte grau und blau, als wäre urplötzlich ein dichter Nebel aufgezogen, der drohte ihn zu verschlucken. So war seine Sicht verschwommen und er konnte nur noch vage Umrisse seiner Umgebung erkennen. Nichts besaß eine scharfe Kontur und alles verhielt sich wie Wolken, die am Himmel hingen und durch den Wind stets ihre Form änderten.
Ein komisches Gefühl überkam Niels, er hatte das Gefühl, irgendjemand oder irgendetwas würde ihn beobachten. Wie ein Raubtier und eine Beute, deutete Niels das Gefühl, aber er war sich sicher, daß er hier und jetzt die Beute war. Es war so bedrückend, das er förmlich spüren konnte, wie die Panik aus den Enden seines Körpers kroch, sich in seiner Mitte formierte um mit unbändiger Kraft auszubrechen. In seiner Panik ruderte Niels mit seinen Gliedmaßen wild um sich, um just im gleichen Moment festzustellen, das er sich mitten in einem Gewässer befinden müsse. Was mache ich hier, wie komme ich hier wieder raus, waren die primären Gedanken, die ihn überkamen. Auch wurde ihm klar, das er die ganze Zeit hier unten noch nicht einen Atemzug getätigt hatte. Seine Pankik erfreute diese Erkenntnis, das sie jetzt noch einen großen Schub bekam. Dadurch verlor er jetzt vollständig die Orientierung, weder wusste er, wo oben, unten, rechts oder links war. Einzig der Druck, der mit jedem Meter, den er gesunken war, sagte ihm das er im Begriff war zu sinken. Immer tiefer und tiefer. Es wurde dunkler.
Das kälter werdenden Wasser ließ Niels Widerstand langsam versiegen. Er hatte gerade angefangen, das wohl unvermeidliche Ertrinken zu akzeptieren, da huschte etwas großes, unheimliches an ihm vorbei. Das Gefühl der Beute war sofort wieder präsent. Es ließ sogar fast die Angst vor dem dunklen, nassen Tod durch ertrinken vergessen. Es war ein großer, schwarzer Schatten, der an ihm vorbei gezogen war. Als wäre dieser Schatten direkt aus der Hölle entstiegen. Was war es, was wollte es, dachte Niels, der kurz darauf von einem riesigen Schwall Wasser herum gewirbelt wurde, so dass er die gerade wiedergefundene Orientierung erneute verlor. Niels öffnete seine Augen wieder, die er kurz zuvor aus Angst vor Übelkeit, welche durch das herumwirbeln ausgelöst werden könnte, geschlossen hatte. Niels erschrak furchtbar, ein großes, dunkles Auge erschien vor ihm. Es wirkte irgendwie leblos, aber es hatte ihn fokussiert. Er war im Blickfeld gefangen. Im fahlen Restlicht konnte er noch etwas weißes blitzen sehen. Es waren Zähne, riesige Zähne. Hunderte. Niels war jetzt völlig außer sich vor Panik. Er versuchte zu schreien, mit aller Kraft. Es war eigentlich gar nicht so, das er es versuchte, er musste es. Durch die Laute, die seinen Mund verließen, wurde ein großer Schwall seiner Atemluft mit in das Wasser gerissen. Es sah für ihn aus, als wäre das Wasser jenseits des Siedepunktes. Das wie er fand kochende Wasser beraubte ihn auch der letzten Sicht. Er war verloren. Huuuuuauuaaaa….

Das wahre Ziel (abgeschlossen)

September 12, 2007

041124_autobahn_bei_nacht.jpg 

Schwarz, weiß, schwarz und weiß. Das war das monotone, aber prägende Bild, welches sich die ganze Zeit an Mikes Auge vorbeizog. Es gab aber auch nicht wirklich viel anderes zu sehen. Es war nun ca. 4 Uhr morgens und er war auf dem Weg in sein wohlverdientes Wochenende. Genauer gesagt, war er auf der Autobahn, er hatte mit großem Aufwand seine Nachtschicht hinter sich gebracht und eine gewisse Teilnahmslosigkeit machte sich aufgrund seiner Müdigkeit in ihm breit. Nicht dass er soviel gearbeitet hätte, es war vielmehr, dass die Arbeit fehlte. Langeweile war das große Problem. Einlullende Nachtmusik im Radio, die kein normaler Mensch sich anhören würde, wenn er wach bleiben möchte. All dies führte dazu, das Mike eher den Wagen fahren lies, als wirklich sich bewusst mit dem Geschehen vor sich auseinanderzusetzen. Sporadisch kamen Autos und LKWs ihm entgegen oder überholten ihn sogar. Meistens waren es jedoch Kuriere, die wie immer unter erheblichen Zeitdruck standen. Aber auch das wurde zur Routine, genauso wie die leicht blaugrüne Beleuchtung des Armaturenbretts und des Radios. Die Musik war im Gegensatz zu sonst sehr leise, von Mike kaum zu verstehen. Er konnte nicht einmal sagen, welches Lied vor dem jetzigen lief. Alles vermischte sich mit dem Geräusch des Motors und dem Abrollgeräusch der Räder. All dies interessierte Mike aber auch nicht, denn Mike hatte nur noch ein Ziel vor Augen. Seine Wohnung und sein Bett. Er sehnte sich so sehr danach. Eine warme flauschige Bettdecke, der frische Wäschegeruch und das selige, unbekümmerte dahin schlummern in selbigen. Den Kopf im Kissen zu vergraben und nach und nach die Embryo-Stellung einzunehmen. All das war ihm die letzten Tage vergönnt gewesen, klar er hatte auch ein Bett, da wo er war, aber es war nicht sein eigenes und bekannter weise schlief es sich in seinem eigenen Bett am besten. Bei diesem Gedanken wäre er am liebsten sofort eingeschlummert, aber er rief sich wieder wach. Bloß nicht einschlafen dachte er und machte das Fenster ein wenig auf. Die gelb-rote Beleuchtung auf der Beifahrerseite nahm er gar nicht wahr. Er war mit seinen Gedanken schon wieder ganz woanders, aber nicht auf der Autobahn. So kamen die gelb-roten Lichter immer näher. Schon bald wurden sie größer, nun konnte man schon die ersten Details erkennen. Unaufhaltsam kamen sie näher und näher, bis sie fast das komplette rechte Seitenfenster ausfüllten und dann nur noch im Rückspiegel zu sehen waren. Die große Muschel, die dort als Firmenlogo prangte, nahm Mike genauso wenig wahr, wie die Tankstelle überhaupt. Mike konzentrierte sich einfach nur auf die weißen Markierungen auf dem Asphalt. Immer den Wagen innerhalb der Spur lassen. Dann komme ich auch an. Den Kaffee, den Mike noch auf der Arbeit getrunken hatte, es war nur einer aus einem dieser großen, klobigen meist nicht sehr sauberen Automaten hatte seine wachhaltende Wirkung schon längst verloren. Alleine der Vanille-Geschmack war noch sehr präsent.

Nun jedoch kam etwas, was Mike aus den etlichen Fahrten, die er schon zwischen seinem Arbeits- und Wohnort unternahm registrierte. Das letzte Autobahnkreuz, das er benutzen musste. Es war ohne viele Geschnörkel, er musste einfach nur rechts ab und weiter auf der Spur bleiben, um auf die nächste Autobahn zu wechseln. Aus reiner Routine setzte er den Blinker und trat aufs Gaspedal um die nötige Geschwindigkeit zu erreichen. Auch das war kein Problem für ihn, er kannte die Drehzahlen seines Autos und musste dabei nicht mal auf das Tacho blicken. Es war auf dieser Bahn sogar noch leerer als auf der vorherigen. Kurz nur registrierte er die hellen Flecken am Ende des Horizonts, nicht, das dort die Sonne zu Leben erwachte und versuchte der Nacht die Dunkelheit zu stehlen, es waren die Gewächshäuser, die in dem Nachbarland standen und schon ihre Strahler anhatten, die ein besseres Wachstum der Nutzpflanzen garantierten. Das die Sonne eigentlich in seinem Rücken aufging, war ihm egal, die hellen Flecken waren so etwas wie ein Ziel, es mit dem Licht am Tunnel, wie sterbende Menschen oft berichteten, zu vergleichen, wäre aber völlig übertrieben.

Das wechseln der Bahn war vergessen und so kehrte wieder die Monotonie ein. Die frische Luft, die schon seit einiger Zeit durch das einen Spalt offene Fenster hereinströmte, ließ ihn plötzlich frieren, so dass er das Fenster schloss und die Heizung eine Stufe höher stellte. Mit einer Hand auf dem Gebläse genoss er den starken Hitzeschwall, der sich zuerst in seinen Handflächen fing, um sich dann im Auto zu verteilen. Wärme, genau das war es was er jetzt brauchte, dachte er und erinnerte sich an sein Bett. Noch auf der Arbeit hatte er scherzhaft erwähnt, dass alle Anwesenden still sein müssten, da seine Bett ihn riefe und er gerne zuhören wollte.

Es war aber eigentlich etwas ganz anderes, besonderes, warum Mike die Strapazen auf sich nahm. Etwas, was er seit Tagen nicht gesehen hatte und das er vermisste. Da war selbst das Bett, welches er so sehr vermisste nebensächlich, zumindest, wenn er alleine darin lag. Es war viel besser, das beste, was er kannte. Marie. Mike war für einen kurzen Moment wie unter Strom gestellt, hellwach. Marie, dachte er und es fiel ihm auf, wie ein wonniger, warmer Schauer ihn überlief, besser noch als die Heizung des Autos. Er merkte auch, wie er durch diesen Gedanken an Kraft gewann und sich wieder zusammenriss, um weiter fahren zu können. Marie, ging es ihm wieder durch den Kopf. Während sein Blick weiter die Straße mit dem abwechselnden weiß auf schwarzem Hintergrund ruhte, mischte sich langsam Marie in sein Blickfeld, in seinem inneren Auge. Ihre Augen wurden deutlicher, die er so sehr an ihr mochte. Diese waren immer klar und verrieten ihm eine aufgeweckte Frau. Ihre weiche, helle Haut, die er schon so oft berühren durfte. Ihren Duft, den er nie wieder vergessen wird und so gern roch. Am bezauberndsten fand er jedoch Maries Lächeln. Ihre strahlend weißen, perfekten Zähne, die das entwaffnendste Lächeln hervorrufen konnten oder wenn sie es denn gewollte hätte, wären der Nord- und Südpol im gleichen Moment geschmolzen. Selbst die tiefsten, schwärzten, verregnetsten Nächte würden durch ihr Lächeln in einen warmen Frühlingstag verwandelt. Im Allgemeinen, auch durch ihre Weise, wie sie ihr Haar trug, war sie immer von einer Aura umgeben, die ihr etwas stolzes, aristokratisches Verlieh. Schweben kam auch eher in Betracht als gehen.

Nun fuhr Mike langsam in die Baustelle hinein, die sich über mehrere Kilometer erstreckte. Es wurde der zweite, rechte Fahrstreifen auf den linken, einzig verbleibenden gelenkt und an der einen Seite war die in der Mitte stehende Betonwand, während die andere Seite von Pollern gesäumt war, die in ihrem Rot und Weiß reflektierten. Nach einiger Zeit, kam es Mike so vor, als würde alles zu einem riesigen Tunnel verfließen, der ihn ein wenig an Alice im Wunderland erinnerte. Wie Alice durch das Labyrinth musste um ihr Ziel zu erreichen. Mike kam es so vor, als müsste er auch durch dieses Labyrinth, nur das ihm keine Fabelwesen begegneten, sondern eher abgestellte Baumaschinen, die sich leicht aus den Schatten erhoben, wenn das Scheinwerferlicht sie streifte. Sie hatten etwas gespenstisches, aber Mike war klar, das ihm seine Fantasie kleine Streiche spielte.

Während Mike noch einige Gedanken an Alice verschwendete, lag die Baustelle auch schon in einiger Entfernung hinter ihm. Nun aber machten sich auch schon die ersten Sonnenstrahlen in seinem Rücken bemerkbar. Alles um ihn herum wurde ein wenig heller und erhielt langsam Konturen. Es kann doch nicht mehr so weit sein, dachte Mike und bemerkte jetzt endlich das große blaue Schild mit der weißen Schrift, das ihm den Heimatort von Marie ankündigte. 1000 Meter, Mike ließ langsam den Fuß vom Gaspedal und ließ den Wagen nur noch im Standgas weiter rollen. 500 Meter, Mike bildete sich ein, er könne spüren, wie der Motor dankbar war, das sie endlich die Autobahn verlassen würden. 300 Meter, drei Streifen, 200 Meter, zwei Streifen, 100 Meter und nun kam die Ausfahrt. Mit einem kleinen Schlenker fuhr der Wagen rechts auf die Ausfahrt und Mike lenkte ihn in die Rechtskurve, die sich zum Ende hin teilte und mit einer T-Kreuzung endete, die von Ampeln gesäumt war. Es war Rot. Mike blieb stehen und zog das erste Mal seine Beine wieder an, die von der Fahrt die ersten Ermüdungserscheinungen zeigten. Aber viel Zeit zum Erholen hatte er nicht. Das Gelb gesellte sich auf der Ampel zu dem Rot hinzu und als beide Farben erloschen, ging die Ampel auf Grün. Langsam, fuhr Mike los, der den Wagen in die Linkskurve trieb und danach durch die Allee. Auf der rechten Seite lag die Tankstelle, die aber noch geschlossen hatte. Sie würde erst in einer Stunde aufmachen. Es war aber eigentlich egal, dachte Mike, er würde dann schon in seinem Bett liegen. So fuhr er weiter und über zwei weitere Ampeln, die ebenfalls grün anzeigten. An der dritten allerdings musste er warten, bis er links abbiegen konnte. Diese Ampel war wohl nicht mit Induktionsschleifen versehen dachte er ungehalten über die unnötige Verzögerung, die er jetzt noch erdulden musste. Mit ein wenig mehr Gas als üblich fuhr er dann an und um die Kurve, an der Bushaltestelle vorbei um dann unter der Eisenbahnbrücke durch zuhuschen. Rechts, links, jetzt ging alles sehr schnell. Die letzten Meter ließ er den Wagen rollen. Er war innerlich total aufgeregt und voller Freude. Er stoppte den Wagen, schaltete den Motor aus und griff sein Handy um Marie anzurufen. Zu seinem Erstaunen war sie schneller als er erwartet hätte. Sein Blick hatte sie ständig erfasst. Auch wenn man ihr ansah, das sie bis vor kurzem noch geschlafen hatte, so war sie doch wunderschön, wie er sich dachte. Als sie neben ihm einstieg und Platz nahm, schloss er für einen kurzen Moment die Augen.

Er stellte sie sich vor, so wie er sie in Erinnerung hatte. Ihre Haare, ihre Haut, ihre Augen und ihren Duft. Wunderschön. Etwas jedoch war anders. Kurz irritiert, kehrte er aber sehr schnell wieder zu seinem ursprünglichen Gedanken zurück. Das war es, sie war noch viel, viel schöner, als er sie in Erinnerung hatte.

Während Mike die Augen aufmachte und ansetzte mit Marie in einem zärtlichen Kuss zu verschmelzen, überkam ihn ein Gefühl, das er die ganze Zeit herbeisehnte. Wofür sich die anstrengende Fahrt lohnte.

 

Er war ZUHAUSE, nicht in seiner Wohnung aber er war ZUHAUSE

 

Alles andere was zuvor war, war egal.

Kapitel II

September 11, 2007

Duisburg Hamborn -
Auf der Straße

Im rausgehen schaute ich schräg zum Himmel, wo ich noch die Sonne vermutet hätte, aber um diese Jahreszeit war diese natürlich verschwunden. Dunkel war es hier aber trotzdem nicht, denn mitten im Ruhrgebiet und besonders in den Teilen, wo die Großindustrie tätig war, war Licht nie Mangelware. Von den riesigen Hochöfen und den Anlagen, die das Gas abfackeln ging das orange Leuchten am Himmel aus. Ganz anders als es im Urlaub auf einem der Ausflüge in die Randbezirke von Eniwa auf Hokkaido war. Es war dort teilweise so dunkel gewesen, dass man seine eigenen Hände nicht sehen konnte. Japan hatte einfach so viele Gegensätze. Wir gingen von der Kurt-Spindler-Str. wo ich wohnte rechts herum um dann einen kleinen Abstecher zum Kiosk zu machen, denn das wichtigste fehlte uns noch, das Partywasser. Wenn meine Mutter mich mit Alkohol erwischen würde, ich malte es mir in diesem Moment gar nicht erst aus, sondern versuchte am Fenster des kleinen Kiosks so erwachsen wie möglich zu erscheinen. „Ah, die kleine Yumi und ihre Freundin, na geht’s wieder zum feiern“, fragte die Besitzerin, die Karin hieß. Ich kannte Karin schon als kleines Kind, als wir hier hingezogen sind. Irgendwie ist sie in den 10 Jahren kein Stück gealtert. Klar, hier und dort sind kleine Fältchen hinzugekommen, aber ehrlich, so muss man sich erst mal halten. Das waren immer meine Gedanken gewesen, wenn ich Karin am Wochenende an der Bude besuchte um etwas einzukaufen oder mal eben für Vater ein Bier oder Kippen zu holen. „Was darf es denn für euch beide sein“, wollte Karin wissen. „Für jeden drei Bier“, erklang es beinahe zeitgleich von uns beiden. Nach dem wir den tadelnden Blick über uns ergehen lassen hatten, der in Wahrheit eher als Scherz gemeint war und wir bezahlt hatten, gingen wir weiter in Richtung Straßenbahn, es war ohnehin eine lange Reise bis nach Altenessen, da wollten wir nicht unbedingt noch zu spät kommen oder gar nachher auf irgendeinem Bahnhof festsitzen. So gingen wir die Kampstraße entlang Richtung Polizei, an dieser vorbei über die August-Thyssen-Str. und gelangten dann endlich an die Haltestelle, die uns bis zur Duisburger Straße führte. Auf der linken Seite war der Burger-King und wir beiden sahen uns an, wohl wissend, dass beide jetzt nen kleinen Snack vertragen könnten, aber wir mussten uns schließlich beeilen und verwarfen die Idee mit einem beiderseitigen Kopfnicken. Jetzt nur noch rechts abbiegen und in Richtung der Rhein-Ruhr-Halle gehen. Als wir noch so etwa 30 Meter von der Haltestelle entfernt waren rief Tina: „Die Bahn!“, worauf ich mich ohne zu zögern in einen Dauerlauf versetzte und mit einer Hand versuchte die Bierflaschen im Rucksack nicht allzu durchzuschütteln. Was mir auch einigermaßen gelang. Da ich allerdings nichts mehr von Tina sah oder hörte, schaute ich genauer in die Richtung, aus der die Bahn hätte kommen müssen. Fehlanzeige. Mit wütendem Blick drehte ich mich um wo Tina auch schon halb auf dem Boden lag vor Lachen und sich kringelte. „Ja, piss dich ja ein, dumme Kuh,“ sagte ich und musste aber kurz danach auch anfangen zu lachen, dass ich aus Dummheit auch immer wieder auf solche Sachen hereinfiel. Ich gab ihr die Hand und zog sie hoch um ihr gleich darauf mit der flachen Hand auf ihren Arsch zu schlagen. Jetzt mussten wir uns beeilen, denn die Bahn kam nun wirklich. Ich kniff die Augen zu um besser sehen zu können, was oben im Feld der Anzeige der Bahn stand. 903, Genau richtig. So fuhren wir am Hamborner Rathaus vorbei, fuhren im Halbkreis um den Landschaftspark Nord, dem versifften Meidericher Bahnhof und dann schließlich über den Rhein-Herne-Kanal nach Duissern, als wir endlich den Hauptbahnhof erreichten. Wir stiegen aus und wir wussten sofort, dass es eigentlich eine schlechte Idee gewesen war, heute Feiern zu gehen, ich habe aber auch wirklich nicht mehr dran gedacht, die Zebras hatten Heimspiel. Oh Gott dachte ich und ich konnte an Tinas Gesichtsausdruck erkennen, dass sie zumindest in die gleiche Richtung dachte. Die Zebras, die waren nicht das Problem, denn die waren mittlerweile alle in den Kneipen gelandet oder zu hause. Aber die auswärtigen Fans der gegnerischen Mannschaft mussten natürlich alle über den Hauptbahnhof in die große Weite Welt verbracht werden. Es kam natürlich auch noch darauf an, gegen wen die Zebras gespielt haben, wenn es so ein Verein wie Bayern München wär, da kann man auch zielstrebig zu seinem Gleis gehen, aber sollte es so etwas sein, wie Schalke oder ein Verein mit anderen Ultras, dann gabs unter Umständen große Schwierigkeiten. Verdammt große Schwierigkeiten. Am besten für uns wäre es auch gewesen, wenn der auswärtige Verein gewonnen hätte, denn dann waren die Leute in gewisser Weise lockerer. So gingen wir dann mit gemischten Gefühlen durch die Haupthalle und waren erstaunt, was hier wieder für Leute unterwegs waren, Leute die von langen Reisen gezeichnet waren, Gabbas auf dem Weg in den Soundgarden, Hip Hopper, Hools und ganz normale Menschen. Ab und zu war auch mal eine kleine verirrte schwarze Seele zu sehen, aber es war eher die Ausnahme. Zum Glück erreichten wir ohne große Anstrengungen das Gleis wo der Zug auch schon wartete. Dreist wie wir waren, gingen wir auf den ersten Vierer zu und machten uns breit. Mehr gespielt, als wirklich erschöpft, schmissen wir uns in die Sitze und machten uns erst mal das mittlerweile dritte Bier auf. Klirrend prosteten wir uns zu und leerten die halbe Liter Flasche ein wenig. Tina musst natürlich wieder auf ganz Assi spielen und rülpste laut drauf los, was die anderen Fahrgäste sofort ihre Köpfe drehen ließ. Am Anfang war es mir etwas peinlich, aber als ich die verdutzten Gesichter der Leute sah, das sie nie im Leben damit gerechnet haben, dass dieser Urlaut von einem Mädchen kam, ließ mich sogar ein wenig stolz werden. Von weiter hinten aus dem Abteil hörte ich sogar ein paar Türken, ich denke einfach, das es Türken waren, sich laut über Tina unterhalten, wie cool das gerade gewesen sei. Naja, dachte ich mir, die überlegen doch sowieso nur, was sie jetzt gemeines mit uns anstellen können oder die nächste Beschimpfung für uns. Zum Glück blieb es aber ruhig und manchmal bin ich auch eben froh, wenn ich mich irre. Ruckelnd nahm der Zug endlich an Fahrt auf und wir bewegten uns Richtung Essen. Eigentlich ist es ja kein richtiger Zug, es ist eine S-Bahn. Wie eh und jeh war sie schmutzig und mit Unrat versehen. Es gehörte aber irgendwie dazu und so störten wir beide uns nicht wirklich daran. Wir beide schauten uns immer wieder um, weil wir wissen wollten, wer denn so alles in der Bahn mitfährt. Zwar interessierten mich Kerle noch nicht so, dass ich nichts anderes im Kopf hätte, aber vielleicht wäre ja mal ein Schnuckel dabei. Allerdings was bis jetzt hier im Abteil saß, dürfte nicht mal aus meinem Klo trinken dachte ich mir und kramte erst mal meinen kleinen Kosmetikspiegel heraus. „Was suchst Du?“, vernahm ich schon Tina, die mal wieder in meine Tasche schaute. Ohne zu Antworten hielt ich ihr meinen Spiegel vors Gesicht. „Gib ihn mir gleich auch mal“, war ihre Antwort darauf. „Kein Problem“, sagte ich und nebenbei, eher als Scherz brummelte ich mir in den Bart „Bist hässlich genug“. Worauf ich mir natürlich einen Schlag auf meinen Oberschenkel zuzog. Mit noch kleinen Bierreserven fuhren wir dann weiter bis zur Zeche.

Kapitel 1

September 11, 2007

Duisburg – Hamborn – 13.01.2000
Wohnung

Der Schlaf war viel zu kurz, es waren vielleicht vier Stunden die ich geschlafen hatte. Es fühlte sich aber eher an wie zwei. Ich hasse Jet-lag, aber für einen Besuch in meiner zweiten Heimat und der ursprünglichen Heimat meiner Mutter Fujiko, waren diese Strapazen klar auszuhalten. Japan hatte mich aufgrund meiner Abstammung seit je her fasziniert. So packte ich die Gelegenheit am Schopf um mit meinem Vater, der wieder mal geschäftlich in Japan zu tun hatte, nach Japan zu reisen. Tokio natürlich. Aber jetzt nach der ersten Nacht wieder in Deutschland war mein Körper immer noch an die drei Wochen Japan gewöhnt. Schlaftrunken stand ich dann auf und zog mir als erstes das Balzac T-Shirt an. Vielleicht schaut ja mal wieder jemand durchs Fenster, zwar ist unsere Wohnung im zweiten Stock, aber eine Piep-Show wollte ich den Anwohnern auf der gegenüberliegenden Straßenseite nun doch nicht bieten. Im Halbschlaf hatte ich noch mitbekommen, dass meine Eltern und meine jüngere Schwester Fumika schon ziemlich früh zum Ikea gefahren sind. Das liegt zwar im selben Stadtteil, aber wer Ikea kennt, der weiß auch, dass sich solche Besuche generell mit viel Zeitaufwand verbinden. Sturmfrei, durchfuhr es mir und ohne lange zu überlegen, machte ich meine Stereoanlage an. Im Player lag noch die CD vom Vorabend, ein Sampler, den ich mir erst vor kurzer Zeit auf dem Flohmarkt gekauft hatte. „Godfathers of German Gothik III“, echt, ich hatte diesen Sampler schon seit Ewigkeiten gesucht und dann durch Zufall gefunden. Glück für mich, denn normalerweise habe ich keine Lust auf solche Unternehmungen. Besonders nicht mit meinen Eltern, was nicht bedeuten soll, das ich mich für sie schäme oder sie nicht mag, meine Familie ist mir das Wichtigste. Aber zu viel davon ist halt auch entsprechend langweilig. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten, entschied sich mein alter Player endlich dazu, das erste Lied zu spielen. Moloko mit Trance. Wenn ich dieses Lied höre, muss ich immer an die „anderen“ Moloko denken, die endlos im Radio laufen. Ich mag sie nicht. Scheiß Mainstream Gedudel. Die Musik verfehlte ihre Wirkung nicht und gab mir ein wenig mehr Antrieb, meinen Tag zu beginnen. Es war Samstag und heute Abend war große Fete angesagt. Denn es war der erste Samstag im Monat. Tina würde nachher noch kommen und so musste ich zumindest wenn sie hier ankommen würde, bereits geduscht sein. So ging ich aus meinem kleinen Zimmer heraus und durch den Flur zum Bad. Irgendwie mochte ich das Bad nie besonders, denn es hatte keine Fenster, die einzige Frischluft kam durch einen kleinen Ventilator herein und unten durch die Tür, wo so ein kleines Gitter drin war. Ich fragte mich schon immer, wer so etwas erfunden hatte. Alle Geräusche, die hier drin passierten, klangen nach draußen. Besonders peinlich war es immer, wenn wir Besuch hatten. Ich versuchte dann immer nicht unbedingt aufs Klo zu müssen, denn pinkeln ist bei Frauen generell immer etwas lauter. Der Spruch von einem Sportkameraden meines Vaters, in Bezug auf Hochdruckreiniger hatte seines dazu Beigetragen. Aber jetzt war niemand hier und ich brauchte keine Rücksicht darauf zu nehmen, ob sich jemand von meinen Geräuschen gestört fühlt oder nicht.
Ich zog mein T-Shirt und meinen Slip aus und stieg in die Duschkabine, worauf sich das typische Geräusch vernehmen lies, wenn man mit nackten Füssen auf Emaille tritt. Mit einiger Mühe verschloß ich die beiden Schiebetüren, die sich wie so oft immer verkanteten und sich mit ein wenig mehr Gewalt dann doch zur Kooperation entschieden. Mit der rechten Hand ergriff ich den Brausekopf und drehte das heiße Wasser voll auf. Nach und nach dosierte ich dann das kalte Wasser hinzu. Da in diesem Altbau der Boiler genauso alt war, musste man diese Technik anwenden, damit man sich entweder nicht verbrühte oder einen Herzinfarkt erlitt, wenn man einen Schwall kaltes Wasser abbekam. Langsam stellte sich die Temperatur ein und ich klemmte die Brause oben an die Halterung ein. Ich legte den Kopf nach hinten, damit mir die langen schwarzen Haare nicht in mein Gesicht fielen und ich sie nachher mühsam Strähne für Strähne wieder zusammenführen musste. Ich liebe heiß duschen, es muss richtig heiß sein. Über den Wasserverbrauch musste ich mir im Moment keine Sorgen machen, da niemand im Hause war, würde mich auch niemand direkt darauf hinweisen. So genoss ich die ersten Minuten einmal mir nur das Wasser über meine Haut laufen zu lassen. Das war pure Entspannung, so musste ein Tag beginnen. Duschmarathon war angesagt. Als sich der Dunst langsam im kleinen Badezimmer zuzog, begann ich damit, meine Haare mit Shampoo zu versehen. Ich mochte dieses Schwarzkopf-Maracuja, denn es war nicht auf Silicon-Basis und das entsprach meinem Haartyp eher als die anderen Produkte. Als ich damit fertig war, nahm ich das Duschgel und seifte den Rest meines Körpers ein. Das eigentliche Duschen ging eigentlich recht zügig. Jedoch musste ich mich noch rasieren. Im Stillen fragte ich mich zwar, warum ich das mache, denn ich war zwar schon fünfzehn, aber ich hatte noch nie etwas mit einem Kerl. Meine Freundinnen machten es auch und so entschied ich mich irgendwann auch dazu. Vielleicht war es eine Art Gruppenzwang. Ich wusste aber auch, wenn meine Mutter das erfahren würde, würde sie mich bestimmt mit Hausarrest belegen, bis ich achtzehn wäre. Aufklärung war in dieser Familie sowieso nicht das Lieblingsthema, alles was man darüber wissen muss, lernte ich entweder in der Schule oder von der Clique. Nach dem auch das rasieren schnell erledigt war, mit asiatischer Abstammung ist dies sowieso wesentlich einfacher. Zum Schluß des Duschens drehte ich wie immer das heiße Wasser weg. Aber auch so wie immer ließ der Kälteschock mich innerlich quieken. Jetzt hieß es nur noch raus aus der Dusche und Abtrocknen. Ich war gerade der Dusche entstiegen, als die Klingel ertönte. Oh, nein, das musste bereits Tina sein. Sie ist mal wieder viel zu früh, dachte ich während ich mir das blaue Frotteebadetuch um den Körper wickelte. Ich hoffte zumindest, dass sie es war. Denn wenn es der Postbote wäre, würde dieses fiese Schwein mich bestimmt wieder mit seinen Blicken ausziehen. Der Typ war sowieso total ekelhaft. Ich wusste nicht warum, aber er war mir nicht geheuer. So stapfte ich, nasse Fussabdrücke auf dem Teppichboden hinterlassend, zur Eingangstüre und schaute durch den Spion. Was ich mir auch hätte sparen können, denn nun klingelte es Sturm. Ein eindeutiges Zeichen für Tina, die es liebte Klingeln nur mit Sturm zu belegen. Aber jetzt sah ich sie auch durch den Spion und öffnete die Tür. Sie lehnte wie immer lässig im Türrahmen und als sie mich erblickte sagte sie:“Na du Schlampe“. „Miststück“, erwiderte ich darauf, worauf wir uns erst ein Mal umarmten. Bussi links und rechts. Irgendwie machten wir das aus Freundschaft, das wir uns gegenseitig mit Schimpfwörtern belegten. Für Außen stehende siehts halt immer so aus, als wären wir uns Spinnefeind, aber ich denke, es ist eine Art von Zuneigung. Durch die Umarmung fiel mein Handtuch herunter und da ich bereits Schritte im Hausflur hörte, zog ich Tina etwas fester in die Wohnung hinein und schloß zügig die Türe. „War bestimmt der Nachbar“, raunte ich ihr zu, da ich auch diesem Typen nicht über den Weg traute. Als ich mich bückte, um das Handtuch aufzuheben, bemerkte ich wie Tina mich von oben und unten musterte. Na, so einen Körper hättest Du wohl auch gerne, waren meine Gedanken. „War das Wasser wieder kalt oder was haste gemacht? Etwa…“, setzte Tina gerade an, wurde aber durch meinen strafenden Blick von weiteren Worten abgehalten. Kurz zur Kontrolle, was sie denn nun meinte, obwohl ich es mir schon dachte, blickte ich an mir herunter. Tatsächlich, Mäusefäuste. Ich legte ein schiefes Grinsen in mein Gesicht und sagte mit leicht überheblicher Stimme: „Ja was denkst Du denn, ich hatte meinen Spaß.“ Beide in schällerndes Gelächter ausgebrochen, ging ich noch kurz in die Dusche, während ich Tina an den Esszimmertisch setzte, mit nem Glas Cola um mich weiter anzuziehen. „Schalt dir ruhig den Fernseher ein“, rief ich, als ich gerade das Top anzog und dabei in den Spiegel schaute, ob sich meine Mäusefäuste immer noch zeigten. Erst mal waren sie weg. So gesellte ich mich an den Tisch und wir quatschten über alles, was in den zwei Wochen passiert war, in denen ich in Japan war. Aber es war eigentlich so wie immer. Was wollte man denn auch von Duisburg Hamborn erwarten. Als ich das Türschloß vernahm und der Rest meiner Familie eintrat, schaute ich auf die Uhr und stellte erstaunt fest, dass es bereits 16.00 Uhr war und wir uns langsam auf heute Abend einstimmen sollten. Die ansteigende Geräuschkulisse verschwanden wir beide dann ziemlich schnell in mein Zimmer und beratschlagten uns, wie unser Styling für den Abend aussehen sollte und wie der zeitliche Ablauf von statten zu gehen hatte. Im Grunde war es uns egal, denn wir wollten nur eins und zwar Feiern. So frisierten wir uns bei feinstem Goth-Rock die Haare und zerfledderten meinen Schminkkoffer. Während ich mich wieder auf das dezente lila-farbene Puder festlegte, war Tina in ihrer Art mit den grelleren Farben beschäftigt, was manchmal eher etwas von einer Drag- als von einer Gothqueen hatte. Mittlerweile war es auch schon nach 19 Uhr und wir holten unsere Jacken von der Garderobe und ernteten wie schon so oft ein Kopfschütteln vom Rest meiner Familie aber das war uns egal, denn wir waren jung und wen kümmert es eigentlich was die Eltern denken. Dann schloss ich die Tür.

INTRO

September 11, 2007

 

G’Kar:
„G’Quon wrote: There is a greater darkness than the one we fight. It is the darkness of the soul that has lost its way.
The war we fight is not against powers and principalities — it is against chaos and despair. Greater than the death of flesh is the death of hope, the death of dreams. Against this peril we can never surrender.
The future is all around us, waiting in moments of transition, to be born in moments of revelation.
No one knows the shape of that future, or where it will take us. We know only that it is always born in pain. “

Kapitel II – Neubeginn

September 11, 2007

 Ort: Parochie von Elmshorn

Zeit: 26. Februar 1575

 

 

Niels war wirklich erschöpft gewesen, so erschöpft, dass er den gestrigen Tag und die darauf folgende Nacht durchgeschlafen hatte. Im Wald war dies nicht ungefährlich, im Wald hausten Räuber und was meistens noch gefährlicher war, es gab wilde Tiere. Bären waren zwar selten, aber Wölfe waren oft unterwegs und kleine Kinder, wie Niels es noch war, waren leichte Beute. Aber durch Glück war Niels nichts passiert und die Sonne stand schon wieder hoch am Himmel, so dass die Sonnenstrahlen Niels mit der nötigen Wärme versorgten, die in der Nacht gefehlt hatte. Leicht fröstelnd machte sich Niels auf, um einen Weg aus dem Wald heraus zu finden. Innerlich war er noch immer hin- und hergerissen, ob er sich wagen sollte, zu seiner alten Hütte zu gehen. Wahrscheinlich war seine Mutter aber auch bereits tot und der Hof völlig niedergebrannt. Durch die strengen Lehren seines Vaters konnte Niels die Sonne dazu benutzen die Himmelsrichtungen auszumachen. Die alte Hütte lag im Norden, so fiel die Wahl nicht schwer, genau in die entgegengesetzte Richtung zu laufen. Niels dachte nach, was ihn im Süden erwarten würde, es sollte auf jeden Fall besser sein als der Norden dachte er und so war die Entscheidung schnell getroffen. Irgendwo im Süden musste schließlich auch Hamburg liegen, von dem er schon so viel gehört hatte. Schiffe sollte es dort geben, die über Gewässer fahren, die erst hinter dem Horizont enden. Wie diese Schiffe wohl aussehen mochten und was werden dort für Menschen sein. Hamburg sollte riesig sein. Aber in seiner kindlichen Naivität setzte er Elmshorn mit riesig gleich, was seine Erwartungen nicht schmälerte, aber eigentlich gänzlich an dem vorbei gingen, was ihn erwarten sollte.

Nach einen Marsch von etwa einer Stunde erschloß sich Niels endlich eine Straße, die eigentlich mehr ein ausgetretener, schlammiger Pfad war, auf dem ab und zu mal ein paar Steine gelegt wurden, um die Schlaglöcher auszugleichen. Niels hielt sich weiterhin südlich und lief so weiter, Stunde um Stunde ohne auch nur einen Menschen anzutreffen. Hier im Niemandsland hielt sich sowieso selten ein Mensch auf. Die Gefahr Räubern in die Hände zu fallen oder von herum vagabundierenen Soldaten für ein Räuber gehalten zu werden war einfach zu groß. So hielt es sich dann, dass Reisende sich nur in Gruppen auf die beschwerlichen Wege wagten oder Menschen, die bereit waren ihr Leben zu riskieren. Mit großem Hunger lief Niels einfach weiter, mehr in Trance als bei richtigem Bewusstsein. Schritt für Schritt trieb es ihn vorran, auf der Suche nach einer Siedlung, in der er nach etwas Essbarem und Wasser betteln konnte. So in Trance bemerkte er das Gespann, aus einem alten Esel und einem Wagen nicht, das immer näher an ihn heranfuhr. Erst als das Gespann neben ihm war, bemerkte er es. Zur Flucht oder Gegenwehr war Niels allerdings viel zu erschöpft, so das er sich in sein Schicksal fügte. Völlig entkräftet ließ Niels sich fallen und schloss die Augen.

Es rappelte und Niels stieß sich den Kopf . Durch den Schmerz kam er zu wieder zu Bewusstsein und bemerkte zuerst, dass sein Durst verflogen war. Die Fremden mussten ihm etwas zu Trinken gegeben haben als er Ohnmächtig war. Aber Hunger hatte er immer noch. Was aber wichtiger war für Niels, wer waren diese Menschen, die ihn aufgesammelt haben, Räuber, Diebe? Was würde mit ihm passieren? War es jetzt sein sicheres Ende oder ein leidvolles Leben in der Sklaverei. Niels hatte bis jetzt nur schreckliches über die Sklaverei gehört. Ein Leben voller Entbehrungen und ohne Selbstbestimmung. Andererseits dachte Niels, das es zu seinem vorherigen Leben viele Parallelen zur Sklaverei gab. „Du bist wach, das ist gut“ hörte er eine männliche Stimme. Niels drehte erschrocken den Kopf um und sah einen alten Mann mit Vollbart und einer Glatze auf der nur noch vereinzelte, fettige Haare standen. Die gelben Zähne, die auch nur noch spärlich in seinem Mund standen, waren in keinem Widerspruch zu dem Aussehen des alten Mannes. Die geröteten Augen ließen Niels sehr schnell erkennen, das der alte Mann nicht nüchtern war. „Wer bist Du und was hattest du mitten in der Wildnis zu suchen?“, wollte der alte Mann nun wissen. „Äh, ich habe mich verlaufen“, stammelte Niels vor sich hin. Worauf der Alte erwiderte:“Verlaufen oder abgehauen? Du brauchst keine Angst haben, ich bin nur ein einfacher Händler auf dem Weg in die große Hansestadt.“ Der Alte hatte natürlich sofort bemerkt, wie Niels sich versuchte hinter der Decke zu verstecken und dabei immer weiter in die hinterste Ecke des Planwagens rutschte. „Nicht weggelaufen“, stammelte Niels abermals. Aus Angst hatte Niels ein kleines Grinsen aufgesetzt, was aber keinerlei Wirkung erfachte, da der Alte seinem bedrohlichen Aussehen sehr bewusst war. „Oder bist du von dem Hof?“, fragte der Alte nun. Aus Niels Reaktion erkannte der Alte sofort, das genau dies der Fall war, denn Niels zog ein Gesicht, dass mehr als 1000 Bände sprach. Niels sah den Alten an und erwartete jetzt seinerseits eine Reaktion des Alten, als er sich bewusst wurde, das er mit seiner Mimik alles verraten hatte. Niels hatte jedoch nicht mit dieser Reaktion gerechnet, als dem Alten auf einmal eine Träne die Wange herunterlief. „Es tut mir Leid Kleiner. Es tut mir so Leid.“ stammelte er und schüttelte dabei den Kopf. „Es ist schrecklich. Das was ich gesehen habe…“, versagte seine Stimme. Niels sagte aber nichts und legte sich auf den Boden des Wagens und starrte einfach nach oben. So lag Niels leblos herum und nicht einmal der Hunger der ihn noch zuvor geplagt hatte, störte ihn. Er war allein, ganz allein. Er hatte doch so darauf gehofft, dass er wenigstens seine Mutter noch sehen würde. Aber so wie der alte Mann sich gebährt hatte, wusste er, dass er jetzt ein Waisenkind war. Allein.

Nach weiteren zwei Stunden siegte endlich der Hunger, Niels bewegte sich wieder und der alte Mann wusste natürlich sofort, was Niels wollte und reichte Niels ein Stück altes, hartes Brot und ein Stück von einem Gewächs, das Niels nicht kannte. Egal dachte Niels und schlang alles herunter, ohne auch nur einmal zuviel zu kauen. Den Hunger hatte er damit zwar nicht besiegt, aber immerhin war das Knurren aus seinem Magen gewichen und er fühlte sich besser. Mit neuer Kraft gestärkt fragte Niels:“Wer bist Du?“ „Ich bin Heinz, ein Händler,“ sagte der alte Mann. „Und du?“, fragte er in fast einem Atemzug. „Niels! Aus Elmshorn“, entgegnete Niel und langsam schlich sich ein richtiges Lächeln auf sein Gesicht. Die Decke hatte er zwar immer noch bis zum Hals um sich geschlungen aber er hatte seine Abwehrhaltung bereits aufgegeben. Irgendwie mochte er den Mann, der Heinz hieß. „Nach Hamburg fährst du Heinz? Darf ich mit?“, schoß es aus Niels heraus. „Mit? Wie stellst du dir das vor? Ich kann dich nicht mitnehmen, ich habe nicht mal für mich selbst genug zu essen“, erwiderte Heinz mit fast panischer Stimme. Er war sich bewusst, das er Niels nicht in einer fremden Stadt aussetzen konnte, aber das was er Niels gerade gesagt hatte, entsprach schon der Warheit. Es würde so schwierig werden, zwei Mäuler zu stopfen. „Ich kann auch für dich arbeiten, bitte, wo soll ich denn sonst hin. Meine … Eltern sind doch… „, unterbrach Niels die Überlegungen des Alten. „Ich weiß, bist Du denn wirklich bereit für deinen Anteil zu arbeiten?“, fragte Heinz mit ernster Miene. Der kleine Knirps könnte mir wirklich unter die Arme greifen, zumindest bei den einfachen Aufgaben. Alle Vor- und Nachteile abwiegend fuhr Heinz weiter, bis er nach etwa vier Minuten seine Antwort bekannt gab:“Von mir aus, gut. Aber es ist harte Arbeit. Nichts für kleine zerbrechliche Kinder.“ „Das bin ich nicht, ich bin stark!“, entgegnete Niels schon fast erbost über die Aussage von Heinz. „Ich bin auf einem Hof aufgewachsen. Ich kann arbeiten!“, setzte Niels mit erhobener Brust noch schnell nach. Heinz antwortete wiederrum mit einem knappen „Gut.“ Niels nickte und ging mit der Decke nach vorne um sich neben Heinz zu setzen. Gerade als Niels sich setzte, erblickte er den Horizont, der sich schon wieder für die Nacht verdunkelte. Aber so etwas hatte er noch nicht gesehen. Der Anblick, der sich ihm bot von dem Hügel aus war ihm zwar oft von den Kaufleuten geschildert worden, aber mit seiner bis jetzt nur an Elmshorn gewöhnten Phantasie, konnte er sich das niemals vorstellen. Es war in seinen Augen gigantisch. Hunderte, ach tausende von Häusern, aus deren Schornsteinen dichter schwarzer Rauch aufstieg, dann von weitem konnte er Wasser sehen, Wasser bis zum Horizont. Mehr als er jemals gesehen hatte. Niels war sprachlos, die ganzen Eindrücke, die jetzt auf ihn einprasselten, ließen ihn kein einziges Wort über die Lippen bringen. Heinz dagegen hatte das Gesicht und die Überraschung von Niels natürlich schon längst aufgefasst und grinste sich einen in den Bart. Wie ich das erste Mal hier hin kam, war ich genauso überrascht, dachte er und erinnerte sich kurz an die Vergangenheit. Niels bemerkte davon allerdings gar nichts und staunte über die vielen Schiffe im Hafen und die verqualmte Luft, die dort herrschte. So fuhren Heinz und Niels in die Stadt durch die Wachtürme und während Heinz die Neubauten seit seinem letzten Besuch anschaute, staunte Niels einfach über alles. Sie waren angekommen. Hamburg – die große Freiheit.

Kapitel I – Heimat

September 11, 2007

 

Ort: Parochie von Elmshorn

Zeit: 25. Februar 1575

 

Es war wie ein Fest, ein großes Gelage, dachte Niels, zumindest für die Schweine. Auch wenn es nur vergammelte Überreste waren, die sie selbst nicht mehr essen konnten ohne ihre Gesundheit zu gefährden, so war Nahrung doch etwas, dass man nicht leichtfertig verschwendete. So stürzten die beiden Säue und der schon betagte Eber sich auf ihr Fressen, als ob es ihre letzte Mahlzeit auf diesem Planeten wäre. Während Niels die Szenerie beobachtete, bemerkte er auch seinen Bauch, der schon arg vor Hunger grämte und sich durch knurren bemerkbar machte. Die letzte Speise war schon Ewigkeiten her, denn Essen war wie immer knapp. Aber es war schon später Morgen und so musste Niels wie jeden Morgen zuvor, so weit er sich erinnern konnte, zuerst das Vieh füttern und den Hof inspizieren. Es war ein hartes Leben als Landwirt, besonders in den Wirren der letzten Zeit. Mit nackten Füßen ging Niels vom Gehege der Schweine weiter über den matschigen Untergrund, der erst ein paar Tage wieder aufgetaut war, hinüber zu der Hütte der Familie. Seine Mutter war noch nicht so alt, aber von ihrer täglichen Arbeit auf dem Feld und den erbärmlichen Lebensverhältnissen schwer gezeichnet. Ihr früheres, feines Aussehen war schon seit einiger Zeit, einer vom Wetter gegerbten und von Entbehrung gekennzeichneten Fassade gewichen, die nur noch selten ein Lächeln erkennen ließ. Vielleicht war sie schon mit dem Frühstück zubereiten fertig, dachte Niels und blickte in den Waldrand, der noch immer im Nebel hing. Alles hatte den Anschein, dass der Frühling bald aufziehen würde. Langsam kamen die Vögel wieder, die sonst nur über den Sommer zu sehen waren und es wurde merklich milder. Sommer, dachte er, der war viel besser, als der Winter voller Entbehrungungen und Markdurchdringender Kälte. „Niels, wo bist du?“, hörte er Paul Bekden rufen, seinem Vater. „Hier, am Gehege, ich komme sofort“, rief Niels und verzog leicht das Gesicht. Es wäre gar nicht auszudenken, was passieren würde, wenn Niels seinem Vater nicht schnell antworten, geschweige denn gehorchen würde. Er war ein strenger Vater mit einer Hand, die leicht ausrutschte, seine Mutter, Maria war da ganz anders. Liebevoll und zuvorkommend, wie es Mütter meistens sind. So ging Niels so schnell er konnte zur alten Holzhütte, die die Hitze des kleinen Feuers im Inneren durch die ganzen Ritze so gut wie gar nicht halten konnte. Es war immer kalt und der Wind zog einfach durch die Hütte durch. Selbst Lehm mit Stroh zum abdichten war zu kostbar für die Familie. Es wurde für die Reichen Menschen gebraucht um Verteidigungsanlagen zu bauen oder diese zu reparieren. Er machte die Tür auf und setzte sich an den provisorisch errichteten Tisch, der nicht mehr war, als ein alter morscher Baumstumpf. Getreidebrei und ein altes Brot, das war alles, was es, wie so oft zu essen gab. Vor dem Essen wurde jedoch noch ein Gebet gesprochen. So war es Brauch in der Familie Bekden und Niels dankte dem Herrn, wie es von ihm verlangt wurde. Doch während des Essens, träumte er wie so oft von anderen Gegenden, die er von vorbeiziehenden Reisenden und Händlern im Dorf erzählt bekommen hatte. Meistens belauschter er einfach die Gespräche derer, wenn er wieder Besorgungen im Dorf machen musste. Die Geschichten handelten von warmen Gegenden mit großem Reichtum, vielen Speisen und hübschen Frauen. In seinem Kopf malte er es sich aus und er hatte so die Möglichkeit, dem tristen Alltag für wenigstens ein paar Minuten zu entkommen. Inmitten seines Tagtraumes voller Gold, Essen und exotischen Gegenden, bemerkte Niels auf einmal eine feste Hand an seiner Schulter. Abrupt kehrte Niels wieder in die Gegenwart und realisierte, dass sein Vater ihn angepackt hatte. „Niels, Niels, schläfst Du? Was ist los mit Dir?“, sagte sein Vater. Nun realisierte auch Niels die Geräusche, die von Draußen herein strömten. Es mussten viele Menschen sein, es waren bestimmt Soldaten. Ja, dachte er, es mussten Soldaten sein, denn nun vernahm er auch das Schnauben und Wiehern der Pferde und dessen Reiter, die versuchten die Tiere im Zaum zu halten. „Soldaten!“, entfuhr es ihm. „Still, geh hinten in die Ecke mit deiner Mutter. Schnell!“, sagte Paul, dem eine gewisse Furcht bereits überdeutlich im Gesicht stand. Niels hatte bis jetzt noch nie etwas gesehen, was seinem Vater eine solche Angst einflößte. So bekam es Niels mit seinen 12 Jahren auch mit der Angst zu tun und gesellte sich zügig zu seiner Mutter. Paul öffnete die Tür und trat in den diesigen Tag heraus, der gerade im Begriff war aufzuklaren. Neugierig schielte Niels heraus und sah die Soldaten, die mindestens an die 50 waren. An ihrem Erscheinungsbild, konnte Niels erkennen, das sie nicht aus dem Parochie von Elmshorn stammten, sie mussten von irgendwo anders herkommen. Viel schlimmer war aber, dass er nicht wusste, was diese Soldaten hier wollten. Es war eigentlich immer ein schlechtes Zeichen, wenn so große Ansammlungen von Soldaten irgendwo auftauchten. Vielleicht kamen sie auch aus Hamburg und waren auf dem Weg in den Norden, um die dortigen Grenzen zu verstärken. Es konnte aber auch sein, das sie auf dem Rückweg waren, was meistens gefährlicher war, wie sein Vater sagte, da sie nach verlorener Schlacht sich leichte Opfer suchten, um wenigstens einen kleinen Sieg zu erreichen. Mit allen diesen Gedanken wandte Niels seinen Blick wieder von den Soldaten ab und vergrub sein Gesicht in der Kleidung seiner Mutter. Zwar hatte zu dieser Zeit, auch wenn es jetzt schon das Jahr 1575 war, der am 25. September 1555 gegründete Religionsfrieden bestand, aber es waren immer wieder Reibereien zwischen den Landesherren um die Vorherrschaft und dessen Religionen aufgekommen und diese ließen eben ihre Heere gegeneinander um Gebiete kämpfen oder das Volk zu bekehren. Sehr zum Leidwesen der einfachen Bevölkerung und noch mehr hatten die Bauern darunter zu leiden, da oft die Saat platt getreten wurde, das Vieh gestohlen, dann verspeist und auch oft die Ehefrauen geschändet wurden. Niels allerdings, wusste nur das, was sein Vater darüber erzählt hatte, was nicht viel war, aber es reicht um Niels gehörig Angst zu machen. So stand Paul bereits draußen und beobachtete das Treiben der Soldaten, die sich ohne die geringste militärische Disziplin auf seinem Hof verbreiteten und keine Acht darauf nahmen, was sie zerstörten. Sie sahen zerlumpt aus und irgendwie hatte Paul das Gefühl, das sie gerade aus einer zermürbenden Schlacht gekommen sein mussten, wovon nicht nur die Kleidung zeugte, sondern auch die vielen Verbände, die mit Blut durchtränkt waren. Das gefiel Paul gar nicht und er sah sich um, damit er die Lage einschätzen konnte. Es waren viele, zu viele um seinen Anspruch auf das Vieh und sein Grund und Boden, wenn man denn davon sprechen konnte, denn es gehörte ja immerhin noch dem Landesherrn. Während er immer noch mit sich haderte, was er unternehmen sollte, hörte er schon das quiekende Geräusch seines Viehs. Das war es also, was die Soldaten wollten, Nahrung. Doch wie sollte Paul dann seine Familie ernähren? Sie hatten die drei Schweine zur Zucht gehalten, damit sie irgendwann ein besseres Leben führen konnten, denn ein gutes Schwein, war auf dem Markt etwa mit einem halben Jahr gutem Leben verbunden. Wenn die Soldaten die Schweine schlachten und essen würden, dann wären sie wieder bei Null und da die letzten Ernten nichts erbrachten, waren sie auf die Schweine angewiesen. Die weitere Existenz der Familie fürchtend, entschloss sich Paul einzugreifen. „Aufhören, haltet ein. Es sind meine Schweine“, rief Paul, bewusst hatte er das Wort mein benutzt, um seine Frau und das Kind vor den Soldaten zu verheimlichen. Da von Seiten der Soldaten keine Reaktion kam, griff er langsam zur Forke, die neben ihm an den Zaun gelehnt lag. Gerade als seine Hand den grob behauenen Griff umgreifen wollte, bemerkte Paul einen stechenden Schmerz, der sich von seinem Rücken in Richtung Brust fortpflanzte. Er war erstochen worden, hinterrücks. Wieso hatte er den Soldaten hinter sich nicht bemerkt, mit diesen letzten Gedanken sank Paul in sich zusammen mit einem schmerzverzerrten Gesicht, was kurz darauf in den matschigen Boden sank. Den Tritt auf seinen Rücken, mit dem der Soldat sein Bajonett aus dem Rücken zog, bekam er schon gar nicht mehr mit. Aufgrund des Zuckens und des schluchzens seiner Mutter, bekam Niels erst jetzt mit, das etwas schreckliches passiert war. Er wusste nur noch nicht, was passiert war. Dies änderte sich aber als er den Kopf aus dem Schoß seiner Mutter hob und seinen Vater im Unrat liegen sah, umgeben von einer großen Lache frischen Blutes. Wie vor Schreck gelähmt und nicht in der Lage, seine Gefühle zu ordnen, saß Niels fassungslos neben seiner Mutter. Vater, Vater, das waren die einzigen Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen. Niels hatte aber auch noch nie wirklich den Tod zu Gesicht bekommen. Wie sollte er sich denn jetzt auch Verhalten, ohne Referenzpunkte? Wie Chaos strömten nun alle Gefühle und Reize der Außenwelt auf ihn ein. Anders war es jedoch bei seiner Mutter, sie hatte sich relativ schnell wieder gefasst, verfiel aber zusehends in Panik und lief so schnell sie konnte zur Leiche ihres Ehemannes. „Paul!“, rief sie bestimmt zehn mal hintereinander, mit einer Stimme, die von Verzweiflung und Trauer zeugte. Aber auch sie hatte die Rechnung ohne die Soldaten gemacht. Für die Soldaten war es wie die weihnachtliche Bescherung, Fleisch von drei Schweinen und dazu noch eine Frau, deren Ehemann sich nicht mehr schützend in den Weg stellen konnte. Wahrlich, darauf hatten sie gehofft, aber nicht wirklich erwartet. So wurde sie an den Haaren gefasst und in den Haufen der geifernden Soldaten gezerrt. Mit letzter Kraft, bäumte sie sich auf und rief:“Niels, lauf! Lauf weg!“. Ihre Stimme erlosch, als ihr ein Knebel angelegt wurde und ihr Bewusstsein mit einem Knüppel ausgeschaltet wurde. Niels trafen diese Worte mit eben so einer Wucht, wie der Knüppel seine Mutter. Wohl aus reinem Selbsterhaltungstrieb sprang Niels auf und lief so schnell er konnte über den Hof, zwischen zwei Soldaten hindurch, die die Situation nicht schnell genug begriffen hatten und so

ins Leere griffen, bis zum Waldrand, um direkt im Dickicht zu verschwinden. Seine Verfolger hingegen passten aufgrund ihrer Größe nicht ins Unterholz und mussten die Verfolgung abbrechen, bevor diese richtig angefangen hatte. Mit krachenden Schüssen ihrer Musketen setzten sie Niels noch nach, aber es waren vielmehr Schüsse ins Blaue, die Niels um mehrere Meter verfehlten. Niels jedoch hörte nicht auf zu rennen. Sein Puls raste, seine Lungen pumpten ständig Sauerstoff in seine Blutbahnen und der Speichel schmeckte bereits nach Blut. Das Adrenalin hingegen entfaltete so hervorragend seine Wirkung, das er die Nebenwirkungen des Laufens nur am Rande mitbekam. Doch plötzlich blieb Niels stehen, genau in diesem Moment, als er spürte, das er gar nicht mehr wusste, wo er war. Wie lange war er gelaufen, wo war er jetzt? Wo ging es wieder aus dem Wald heraus? Ein großes Gefühl der Einsamkeit überkam Niels und viele Fragen wurden aufgeworfen. Wie ging es seiner Mutter? Würde er wieder nach Hause können? Wie sollte er jetzt Nahrung finden? Ohne eine befriedigende Antwort zu gefunden zu haben, suchte sich Niels einen Baum, den er hinaufklettern konnte. Mit gekonntem Satz sprang er auf den ersten Ast, um dann flink wie ein Eichhörnchen den Rest des Baumes zu erklimmen. Oben angekommen, schaute er sich um, aber außer dem grünen Blätterdach des Mischwaldes konnte er nicht außergewöhnliches erkennen. Nur in einiger Entfernung sah er dunklen Rauch aufsteigen, der durch den leichten Wind ein wenig seitlich aufstieg und an Intensität zu nahm. Dort musste sein Hof sein, aber für ein kleines Lagerfeuer oder den Schornstein, war das Feuer zu groß. Der Hof musste brennen, sein Zuhause. Nun erkannte Niels das erste Mal, dass ihm Alles genommen wurde. Entmutigt und desillusioniert kletterte Niels mit tränengefüllten Augen wieder vom Baum herunter und setzte sich auf den von Moos überwucherten Boden. Erschöpft vom Rennen und den ganzen Ereignissen fielen ihm schon bald die Augen zu und Niels schlief unruhig ein.

Zum Geleit

September 10, 2007

 Piraten, jene Menschen, die uns schon immer fasziniert und polarisiert haben. Grausame Riten im Einklang mit grenzenloser Hoffnung auf Reichtum und Macht. Gefährliche Kämpfe die nicht selten mit dem Verlust des Lebens oder Körperteilen endeten. Ehre und Feindschaft waren in dieser Zeit genauso zuhause wie Krankheiten und Gebrechen. Verrat und Treue unter echten Männern.

 

Große Menschen wie Sir Francis Drake und John Hawkins die mitunter diese Zeit prägten und sich unwiderruflich in die Geschichte brannten, haben mich zu diesem Thema inspiriert genauso wie auch allerlei Piratenfilme wie zum Beispiel Fluch der Karibik.

 

Danken möchte ich einer guten Bekannten, die seit je her auf Piraten steht.

Dann dem Katastrof, dem Luk und natürlich allen anderen Freunden.


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