Schwarz, weiß, schwarz und weiß. Das war das monotone, aber prägende Bild, welches sich die ganze Zeit an Mikes Auge vorbeizog. Es gab aber auch nicht wirklich viel anderes zu sehen. Es war nun ca. 4 Uhr morgens und er war auf dem Weg in sein wohlverdientes Wochenende. Genauer gesagt, war er auf der Autobahn, er hatte mit großem Aufwand seine Nachtschicht hinter sich gebracht und eine gewisse Teilnahmslosigkeit machte sich aufgrund seiner Müdigkeit in ihm breit. Nicht dass er soviel gearbeitet hätte, es war vielmehr, dass die Arbeit fehlte. Langeweile war das große Problem. Einlullende Nachtmusik im Radio, die kein normaler Mensch sich anhören würde, wenn er wach bleiben möchte. All dies führte dazu, das Mike eher den Wagen fahren lies, als wirklich sich bewusst mit dem Geschehen vor sich auseinanderzusetzen. Sporadisch kamen Autos und LKWs ihm entgegen oder überholten ihn sogar. Meistens waren es jedoch Kuriere, die wie immer unter erheblichen Zeitdruck standen. Aber auch das wurde zur Routine, genauso wie die leicht blaugrüne Beleuchtung des Armaturenbretts und des Radios. Die Musik war im Gegensatz zu sonst sehr leise, von Mike kaum zu verstehen. Er konnte nicht einmal sagen, welches Lied vor dem jetzigen lief. Alles vermischte sich mit dem Geräusch des Motors und dem Abrollgeräusch der Räder. All dies interessierte Mike aber auch nicht, denn Mike hatte nur noch ein Ziel vor Augen. Seine Wohnung und sein Bett. Er sehnte sich so sehr danach. Eine warme flauschige Bettdecke, der frische Wäschegeruch und das selige, unbekümmerte dahin schlummern in selbigen. Den Kopf im Kissen zu vergraben und nach und nach die Embryo-Stellung einzunehmen. All das war ihm die letzten Tage vergönnt gewesen, klar er hatte auch ein Bett, da wo er war, aber es war nicht sein eigenes und bekannter weise schlief es sich in seinem eigenen Bett am besten. Bei diesem Gedanken wäre er am liebsten sofort eingeschlummert, aber er rief sich wieder wach. Bloß nicht einschlafen dachte er und machte das Fenster ein wenig auf. Die gelb-rote Beleuchtung auf der Beifahrerseite nahm er gar nicht wahr. Er war mit seinen Gedanken schon wieder ganz woanders, aber nicht auf der Autobahn. So kamen die gelb-roten Lichter immer näher. Schon bald wurden sie größer, nun konnte man schon die ersten Details erkennen. Unaufhaltsam kamen sie näher und näher, bis sie fast das komplette rechte Seitenfenster ausfüllten und dann nur noch im Rückspiegel zu sehen waren. Die große Muschel, die dort als Firmenlogo prangte, nahm Mike genauso wenig wahr, wie die Tankstelle überhaupt. Mike konzentrierte sich einfach nur auf die weißen Markierungen auf dem Asphalt. Immer den Wagen innerhalb der Spur lassen. Dann komme ich auch an. Den Kaffee, den Mike noch auf der Arbeit getrunken hatte, es war nur einer aus einem dieser großen, klobigen meist nicht sehr sauberen Automaten hatte seine wachhaltende Wirkung schon längst verloren. Alleine der Vanille-Geschmack war noch sehr präsent.
Nun jedoch kam etwas, was Mike aus den etlichen Fahrten, die er schon zwischen seinem Arbeits- und Wohnort unternahm registrierte. Das letzte Autobahnkreuz, das er benutzen musste. Es war ohne viele Geschnörkel, er musste einfach nur rechts ab und weiter auf der Spur bleiben, um auf die nächste Autobahn zu wechseln. Aus reiner Routine setzte er den Blinker und trat aufs Gaspedal um die nötige Geschwindigkeit zu erreichen. Auch das war kein Problem für ihn, er kannte die Drehzahlen seines Autos und musste dabei nicht mal auf das Tacho blicken. Es war auf dieser Bahn sogar noch leerer als auf der vorherigen. Kurz nur registrierte er die hellen Flecken am Ende des Horizonts, nicht, das dort die Sonne zu Leben erwachte und versuchte der Nacht die Dunkelheit zu stehlen, es waren die Gewächshäuser, die in dem Nachbarland standen und schon ihre Strahler anhatten, die ein besseres Wachstum der Nutzpflanzen garantierten. Das die Sonne eigentlich in seinem Rücken aufging, war ihm egal, die hellen Flecken waren so etwas wie ein Ziel, es mit dem Licht am Tunnel, wie sterbende Menschen oft berichteten, zu vergleichen, wäre aber völlig übertrieben.
Das wechseln der Bahn war vergessen und so kehrte wieder die Monotonie ein. Die frische Luft, die schon seit einiger Zeit durch das einen Spalt offene Fenster hereinströmte, ließ ihn plötzlich frieren, so dass er das Fenster schloss und die Heizung eine Stufe höher stellte. Mit einer Hand auf dem Gebläse genoss er den starken Hitzeschwall, der sich zuerst in seinen Handflächen fing, um sich dann im Auto zu verteilen. Wärme, genau das war es was er jetzt brauchte, dachte er und erinnerte sich an sein Bett. Noch auf der Arbeit hatte er scherzhaft erwähnt, dass alle Anwesenden still sein müssten, da seine Bett ihn riefe und er gerne zuhören wollte.
Es war aber eigentlich etwas ganz anderes, besonderes, warum Mike die Strapazen auf sich nahm. Etwas, was er seit Tagen nicht gesehen hatte und das er vermisste. Da war selbst das Bett, welches er so sehr vermisste nebensächlich, zumindest, wenn er alleine darin lag. Es war viel besser, das beste, was er kannte. Marie. Mike war für einen kurzen Moment wie unter Strom gestellt, hellwach. Marie, dachte er und es fiel ihm auf, wie ein wonniger, warmer Schauer ihn überlief, besser noch als die Heizung des Autos. Er merkte auch, wie er durch diesen Gedanken an Kraft gewann und sich wieder zusammenriss, um weiter fahren zu können. Marie, ging es ihm wieder durch den Kopf. Während sein Blick weiter die Straße mit dem abwechselnden weiß auf schwarzem Hintergrund ruhte, mischte sich langsam Marie in sein Blickfeld, in seinem inneren Auge. Ihre Augen wurden deutlicher, die er so sehr an ihr mochte. Diese waren immer klar und verrieten ihm eine aufgeweckte Frau. Ihre weiche, helle Haut, die er schon so oft berühren durfte. Ihren Duft, den er nie wieder vergessen wird und so gern roch. Am bezauberndsten fand er jedoch Maries Lächeln. Ihre strahlend weißen, perfekten Zähne, die das entwaffnendste Lächeln hervorrufen konnten oder wenn sie es denn gewollte hätte, wären der Nord- und Südpol im gleichen Moment geschmolzen. Selbst die tiefsten, schwärzten, verregnetsten Nächte würden durch ihr Lächeln in einen warmen Frühlingstag verwandelt. Im Allgemeinen, auch durch ihre Weise, wie sie ihr Haar trug, war sie immer von einer Aura umgeben, die ihr etwas stolzes, aristokratisches Verlieh. Schweben kam auch eher in Betracht als gehen.
Nun fuhr Mike langsam in die Baustelle hinein, die sich über mehrere Kilometer erstreckte. Es wurde der zweite, rechte Fahrstreifen auf den linken, einzig verbleibenden gelenkt und an der einen Seite war die in der Mitte stehende Betonwand, während die andere Seite von Pollern gesäumt war, die in ihrem Rot und Weiß reflektierten. Nach einiger Zeit, kam es Mike so vor, als würde alles zu einem riesigen Tunnel verfließen, der ihn ein wenig an Alice im Wunderland erinnerte. Wie Alice durch das Labyrinth musste um ihr Ziel zu erreichen. Mike kam es so vor, als müsste er auch durch dieses Labyrinth, nur das ihm keine Fabelwesen begegneten, sondern eher abgestellte Baumaschinen, die sich leicht aus den Schatten erhoben, wenn das Scheinwerferlicht sie streifte. Sie hatten etwas gespenstisches, aber Mike war klar, das ihm seine Fantasie kleine Streiche spielte.
Während Mike noch einige Gedanken an Alice verschwendete, lag die Baustelle auch schon in einiger Entfernung hinter ihm. Nun aber machten sich auch schon die ersten Sonnenstrahlen in seinem Rücken bemerkbar. Alles um ihn herum wurde ein wenig heller und erhielt langsam Konturen. Es kann doch nicht mehr so weit sein, dachte Mike und bemerkte jetzt endlich das große blaue Schild mit der weißen Schrift, das ihm den Heimatort von Marie ankündigte. 1000 Meter, Mike ließ langsam den Fuß vom Gaspedal und ließ den Wagen nur noch im Standgas weiter rollen. 500 Meter, Mike bildete sich ein, er könne spüren, wie der Motor dankbar war, das sie endlich die Autobahn verlassen würden. 300 Meter, drei Streifen, 200 Meter, zwei Streifen, 100 Meter und nun kam die Ausfahrt. Mit einem kleinen Schlenker fuhr der Wagen rechts auf die Ausfahrt und Mike lenkte ihn in die Rechtskurve, die sich zum Ende hin teilte und mit einer T-Kreuzung endete, die von Ampeln gesäumt war. Es war Rot. Mike blieb stehen und zog das erste Mal seine Beine wieder an, die von der Fahrt die ersten Ermüdungserscheinungen zeigten. Aber viel Zeit zum Erholen hatte er nicht. Das Gelb gesellte sich auf der Ampel zu dem Rot hinzu und als beide Farben erloschen, ging die Ampel auf Grün. Langsam, fuhr Mike los, der den Wagen in die Linkskurve trieb und danach durch die Allee. Auf der rechten Seite lag die Tankstelle, die aber noch geschlossen hatte. Sie würde erst in einer Stunde aufmachen. Es war aber eigentlich egal, dachte Mike, er würde dann schon in seinem Bett liegen. So fuhr er weiter und über zwei weitere Ampeln, die ebenfalls grün anzeigten. An der dritten allerdings musste er warten, bis er links abbiegen konnte. Diese Ampel war wohl nicht mit Induktionsschleifen versehen dachte er ungehalten über die unnötige Verzögerung, die er jetzt noch erdulden musste. Mit ein wenig mehr Gas als üblich fuhr er dann an und um die Kurve, an der Bushaltestelle vorbei um dann unter der Eisenbahnbrücke durch zuhuschen. Rechts, links, jetzt ging alles sehr schnell. Die letzten Meter ließ er den Wagen rollen. Er war innerlich total aufgeregt und voller Freude. Er stoppte den Wagen, schaltete den Motor aus und griff sein Handy um Marie anzurufen. Zu seinem Erstaunen war sie schneller als er erwartet hätte. Sein Blick hatte sie ständig erfasst. Auch wenn man ihr ansah, das sie bis vor kurzem noch geschlafen hatte, so war sie doch wunderschön, wie er sich dachte. Als sie neben ihm einstieg und Platz nahm, schloss er für einen kurzen Moment die Augen.
Er stellte sie sich vor, so wie er sie in Erinnerung hatte. Ihre Haare, ihre Haut, ihre Augen und ihren Duft. Wunderschön. Etwas jedoch war anders. Kurz irritiert, kehrte er aber sehr schnell wieder zu seinem ursprünglichen Gedanken zurück. Das war es, sie war noch viel, viel schöner, als er sie in Erinnerung hatte.
Während Mike die Augen aufmachte und ansetzte mit Marie in einem zärtlichen Kuss zu verschmelzen, überkam ihn ein Gefühl, das er die ganze Zeit herbeisehnte. Wofür sich die anstrengende Fahrt lohnte.
Er war ZUHAUSE, nicht in seiner Wohnung aber er war ZUHAUSE
Alles andere was zuvor war, war egal.