Ort: Hamburg
Zeit: 27. Februar 1575
Gut geschlafen hatten die Beiden nicht, zwar hatten sie einen windgeschützten Platz hinter einem Haus gefunden, aber sie waren viel zu früh geweckt worden. Es war Markt und so riefen alle Händler quer durcheinander um ihre Waren anzupreisen und alle anderen Konkurrenten zu übertönen. So schlug Niels seine Augen auf und blickte verwundert umher. Es war gestern schon früh dunkel geworden und auch die Strapazen der letzten Tage hatten ihren Tribut gezollt. So hatte Niels vieles nicht mehr mitbekommen und seine Augen fielen immer wieder zu und so hatte er vieles einfach verpasst. “Heinz, der Markt hat schon begonnen, wir können ja gar nichts verkaufen”, machte Niels sich sorgen. Heinz hingegen war ziemlich gelassen und erklärte Niels, dass dieser Markt gar nicht für ihn vorgesehen sei, da seine Waren hier gar nicht angeboten würden. “Dies ist der Markt des einfachen Volkes Niels, damit haben wir beide nichts zu tun.”, erklärte Heinz. “Wir verkaufen unsere Waren nur an den Adel. Das einfache Volk kann sich das nicht leisten”, fügte er schnell hinzu als er Niels fragenden Gesichtsausdruck sah. “Was ist denn das für eine Ware? Warum ist sie so teuer?”, fragte Niels, der nun sichtlich neugierig wurde. “Warte ab Niels, du wirst es schon sehen”, war die knappe Antwort. Niels fiel nun auf, dass er im Wagen gar keine Waren gesehen hatte, nur die Decke. Niels sagte aber nichts mehr, um Heinz nicht zu verärgern. Es stand kleinen Kindern nicht zu, so viele Fragen zu stellen. Niels erinnerte sich daran, dass er sich in Geduld üben müsse.
Nach dem sie den Platz verlassen hatten und weiter in die Innenstadt kamen, sah Niels einen großen Fluss, einen wie er zuvor noch nicht gesehen hatte. Er kannt nur kleine, durch die ein erwachsener Mann ohne zu versinken durchgehen konnte. Groß und braun dennoch irgendwie glitzerte dieser Fluss in der Sonne. Die Elbe, wie ihm Heinz erklärte. Er hatte schon von diesem Fluss gehört, aber wie zuvor auch bei der Stadt Hamburg, reichte seine Phantasie einfach nicht aus, um sich solche gigantischen Dinge vorzustellen. Er fragte sich, wo so viel Wasser herkommen könnte, denn er sah das der Fluss in Richtung Meer, der Nordsee, wie er auch von Heinz erfuhr, floss. Es waren einfach zu viele Fragen, stellte Niels fest und so kam er zu dem Entschluss, einfach nicht mehr darüber nachzudenken, denn er würde es sowieso nicht begreifen. Er genoss einfach die Eindrücke, die auf ihn herein prasselten, der große Fluss, mit dem breiten Ufer und in einiger Ferne die ersten Schiffe, die am Anfang des Hafens lagen. Die Schiffe zogen Niels am meisten in seinen Bann. Sie waren für ihn der Inbegriff von Abenteuer und neuen Welten, Dinge die er nicht kannte und ihn neugierig machten. So saß er neben Heinz und kaute auf etwas herum, das Heinz ihm gegeben hatte, aber nicht verriet, was es war. Es war schwarz und ungemein lecker, wie Niels fand. Es hatte einen süßlichen Geschmack, der dazu noch die Atemwege befreit. Es sollte wohl die Ware sein, die sie an die Reichen verkauften kombinierte Niels, denn er hatte großen Zweifel daran, dass jemand armes, wie er oder seine damalige Familie sich so etwas leisten konnten. So verbrachten sie den ganzen Nachmittag damit sich durch die Gassen zwischen dem Fußvolk zu zwängen und einen Weg über den riesigen Strom zu finden. Das Glück war mit ihnen und so konnten sie mit einer kleinen Fähre schnell übersetzen.
Als es bereits dunkel wurde, waren die Beiden mit ihrem Esel und dem Planwagen in ungefährer Nähe ihres Zielortes, den Heinz noch immer nicht verraten hatte. Niels, der durch die letzte Zeit seine Aufregung verloren hatte und stets darauf bedacht war, alles und jeden Menschen den er sah sich genau anzuschauen, lief einige Meter vor dem Wagen her und suchte nun auf Anweisung von Heinz einen Stellplatz zur Übernachtung. Niels konnte es nicht fassen, das so viel Licht von den brennenden Fackeln abgestrahlt wurde, dass er die Sterne am Himmel nur noch ganz Vage erkennen konnte. So musste es hier immer sein, eine Stadt, die nie schläft, dachte er sich und schaute nach Rechts, wo er die Kaimauer erkannte. Sie waren jetzt mitten im Hafengebiet angekommen. Es war so aufregend für den kleinen Jungen. Mit einem großen Talent für Organisation und vor allem für Improvisation war Niels immer schon gesegnet gewesen, aufgrund dessen er auch den geeigneten Unterstellplatz für sich und seine Begleitung gefunden hatte. Nachdem Heinz den Wagen abgestellt hatte und Hoho, wie der Esel hieß, vertäut hatte, ließ Niels es sich nicht nehmen, danach zu betteln, dass Heinz ihm noch die Umgebung zeigen sollte. Ob dies wirklich die richtige Umgebung für einen Jungen in Niels Alter war, ging es dem alten Mann durch den Kopf. Andererseits, wenn Niels bei ihm bleiben würde, dann würde er so oder so öfter hier herkommen müssen. Schließlich war er auch in diesem Alter schon oft genug hier gewesen. Mit diesen Gedanken und einem Lächeln im Gesicht, denn er wusste genau was Niels begegnen würde, willigte er schließlich ein.
Nach kurzem Fußmarsch erreichten sie endlich das wirkliche Hafenviertel von Hamburg, nicht wo die Schiffe lagen, sondern dort wo gefeiert wurde. Sie gingen noch an zwei Fleeten vorbei und bemerkten, dass es um sie herum immer lauter wurde. Schiffsbesatzungen, die ihren Landgang feierten, Kapitäne die neue Mannschaften suchten und der eine oder andere Gauner der hier sein Glück versuchte, sie waren alle zugegen. Ein Hauch von Rum lag in den Gassen, der sich allerdings schnell mit dem Geruch von Erbrochenem, Pferdemist, faulenden Abfällen und Exkrementen mischte. Niels machte dies nichts aus, er kannte den Geruch des Geheges, wo er als Kind immer schuften musste. In den Seitengassen erkannte er, dass dort immer viele Frauen in aufreizender Kleidung waren, die sich wohl anderen Menschen zur schau stellten. Niels fand es komisch, aber in der Neugier, vergaß er einfach danach zu fragen. Es war auch so allgegenwärtig, dass er es einfach als gegeben hinnahm. Auf einer anderen Seite, prügelten sich zwei finster aussehende Gestalten um irgendeinen Gegenstand, aber Niels war nicht in der Lage, ein Wort der beiden zu verstehen, es war wohl eine fremde Sprache. “Au heilige Mutter…”, rutschte Niels plötzlich heraus. So schnell er konnte, versuchte er Platz hinter Heinz zu bekommen, der das Schauspiel sichtlich genoss. Was war das, dachte Niels. Ein riesiger, schwarzer Dämon, mit schwarzen dunklen Augen. Heinz bemerkte, wie Niels anfing zu zittern und sagte daher:”Keine Angst Niels, das ist ein Mohr, aus den fernen Kolonien.”"Und schau, er ist angekettet, ein Sklave”, fügte er hinzu, in der Hoffnung es würde Niels ein wenig beruhigen. Es verfehlte seine Wirkung nicht, Niels sah jetzt die dicken Ketten , wurde ruhiger und kam hinter Heinz rücken hervor. Er sieht aus wie ein Mensch, aber er ist so dunkel wie Kohle, wie kann das sein. Wieder einmal zeigte sich, das Niels, der von einem einfachen Hof kam, nicht im geringsten die Ahnung hatte, wie groß die Welt ist und wer in ihr wohnte. Woher denn auch? Von so viel interessanten und neuen Erfahrungen erschöpft, drängte Niels nun, sich etwas auszuruhen. Seine Blase war auch voll und so machte er Heinz ein Zeichen, das er sich erleichtern musste und ging dann in die Seitengasse, um sich zu erleichtern. Niels zog die Hose herunter und begann zu pinkeln.
Es wurde schwarz.
Ort: unbekannt
Zeit: unbekannt
Niels fühlte sich allein. Es war ihm, als würde jemand seine ganze Wärme seines Körpers stehlen. Grausig kalt war es. Alles um ihn herum schimmerte grau und blau, als wäre urplötzlich ein dichter Nebel aufgezogen, der drohte ihn zu verschlucken. So war seine Sicht verschwommen und er konnte nur noch vage Umrisse seiner Umgebung erkennen. Nichts besaß eine scharfe Kontur und alles verhielt sich wie Wolken, die am Himmel hingen und durch den Wind stets ihre Form änderten.
Ein komisches Gefühl überkam Niels, er hatte das Gefühl, irgendjemand oder irgendetwas würde ihn beobachten. Wie ein Raubtier und eine Beute, deutete Niels das Gefühl, aber er war sich sicher, daß er hier und jetzt die Beute war. Es war so bedrückend, das er förmlich spüren konnte, wie die Panik aus den Enden seines Körpers kroch, sich in seiner Mitte formierte um mit unbändiger Kraft auszubrechen. In seiner Panik ruderte Niels mit seinen Gliedmaßen wild um sich, um just im gleichen Moment festzustellen, das er sich mitten in einem Gewässer befinden müsse. Was mache ich hier, wie komme ich hier wieder raus, waren die primären Gedanken, die ihn überkamen. Auch wurde ihm klar, das er die ganze Zeit hier unten noch nicht einen Atemzug getätigt hatte. Seine Pankik erfreute diese Erkenntnis, das sie jetzt noch einen großen Schub bekam. Dadurch verlor er jetzt vollständig die Orientierung, weder wusste er, wo oben, unten, rechts oder links war. Einzig der Druck, der mit jedem Meter, den er gesunken war, sagte ihm das er im Begriff war zu sinken. Immer tiefer und tiefer. Es wurde dunkler.
Das kälter werdenden Wasser ließ Niels Widerstand langsam versiegen. Er hatte gerade angefangen, das wohl unvermeidliche Ertrinken zu akzeptieren, da huschte etwas großes, unheimliches an ihm vorbei. Das Gefühl der Beute war sofort wieder präsent. Es ließ sogar fast die Angst vor dem dunklen, nassen Tod durch ertrinken vergessen. Es war ein großer, schwarzer Schatten, der an ihm vorbei gezogen war. Als wäre dieser Schatten direkt aus der Hölle entstiegen. Was war es, was wollte es, dachte Niels, der kurz darauf von einem riesigen Schwall Wasser herum gewirbelt wurde, so dass er die gerade wiedergefundene Orientierung erneute verlor. Niels öffnete seine Augen wieder, die er kurz zuvor aus Angst vor Übelkeit, welche durch das herumwirbeln ausgelöst werden könnte, geschlossen hatte. Niels erschrak furchtbar, ein großes, dunkles Auge erschien vor ihm. Es wirkte irgendwie leblos, aber es hatte ihn fokussiert. Er war im Blickfeld gefangen. Im fahlen Restlicht konnte er noch etwas weißes blitzen sehen. Es waren Zähne, riesige Zähne. Hunderte. Niels war jetzt völlig außer sich vor Panik. Er versuchte zu schreien, mit aller Kraft. Es war eigentlich gar nicht so, das er es versuchte, er musste es. Durch die Laute, die seinen Mund verließen, wurde ein großer Schwall seiner Atemluft mit in das Wasser gerissen. Es sah für ihn aus, als wäre das Wasser jenseits des Siedepunktes. Das wie er fand kochende Wasser beraubte ihn auch der letzten Sicht. Er war verloren. Huuuuuauuaaaa….